Fortschritt oder Blockade

Das ist aus meinen Augen die Frage, die ich mir manchmal stelle. Ich denke einige Menschen “leiden” unter Perfektionismus. Nicht in dem Sinne, dass alles was sie anfassen perfekt ist, sondern den Anspruch an sich haben, “Wenn ich schon was mache, dann solls auch perfekt sein”, oder Vorstellungen haben, die man einfach nicht erreichen kann.

Ich beschäftige mich selbst viel mit diesem Gedanken, maßgeblich im Bereich Softwareentwicklung. Aber gerade hier ist meine These, dass es eher Fortschritt verhindert, wenn man mit diesem Anspruch an eigene Projekte, oder Vorhaben heran tritt.

Was ist perfekt?

Eigentlich fängt es ja schon ganz vorne, bei eben dieser Frage an, die man sich zuerst beantworten sollte. Je nach Thema ist es leichter, oder auch schwerer dieses Wort für sich zu definieren.

Um ein paar Beispiele zu nennen:

Ist meine Figur perfekt ? Ist mein Code perfekt ? Ist mein Leben perfekt ? Ist mein gekochtes Essen perfekt ?

Laut Duden, frei von Mängeln. Zack die nächste Frage, was sind Mängel, aber daz gleich mehr.

Ich nehme einfach mal an, dass die Definition von “perfekt” den meisten geläufig ist und viele zustimmen würden, dass man den Begriff so verwendet. Die Bedeutung von Mangel ist angegeben mit “[teilweises] Fehlen von etwas, was vorhanden sein sollte, was gebraucht wird”. Damit haben wir den sogenannten Pudels Kern getroffen. Es ist nämlich meistens nicht so einfach, einen objektiven Maßstab für einen Mangel zu definieren. Nehmen wir uns die erste Frage mal vor.

Mangelmaßstab

Ist meine Figur perfekt?

Wenn ich mich im Spiegel anschaue, sage ich nein, meine Figur ist nicht perfekt. Aber woran liegt das und warum ist das nicht objektiv? Ich würde mich jetzt als eher durchschnittlich beschreiben, habe aber eine Vorstellung davon, welche Figur ich mir wünschen würde. Andere mit der gleichen, oder ähnlichen Statur sind ggf. zufrieden und glücklich so. Heißt, jeder hat ein anderes Maß wie die eigene Figur bewertet wird. (Kleiner Disclaimer): Hier geht es nicht darum, was gesund oder ungesund ist. Ich spreche lediglich von der eigenen Selbstwahrnemung.

Wenn mir also jemand sagt “Wieso, deine Figur ist doch perfekt.” Dann ist das aus der anderen Perspektive erstmal genau so richtig, wie aus meiner.

Die eigene Figur ist ein bewusst gewähltes Beispiel um zu verdeutlichen, wie schnell man an den Punkt kommen kann, das was für die eine Seite perfekt ist, für die andere noch Arbeit bedeutet.

Die eigenen Ansprüche

Ich denke, dass man bei allem, egal ob Figur, Code, Musik oder Essen, sich darüber klar werden muss: “Welche Ansprüche habe ich an mich und meine Leistung?” Das ist Schritt Nummer eins, sich bewusst zu machen, was man will und was man bereit ist dafür zu tun. Um beim Beispiel von gerade zu bleiben, ich tracke seit geraumer Zeit nun Kalorien und versuche mehr Bewegung in meinen Alltag zu integrieren. Seh ich deswegen in einem Jahr aus wie Henry Cavill in Rollen wie Geralt, oder Superman ? Nein, höchstwahrscheinlich nicht. Aber das ist auch gar nich schlimm, wahrscheinlich werde ich niemals so aussehen, weil die Vorraussetzungen eben andere sind.

Ich würde trotzdem denken, dass er perfekter aussieht als ich.

Hm Mist, dann wird meine Figur ja nie perfekt.

Mit dem Maßstab so aussehen zu wollen wie Henry Cavill, stimmt diese Aussage wahrscheinlich, ABER ich bin doch derjenige, der hier die Maßstäbe für mich selbst setzt.

Ansprüche an andere

Schwieriger kann es werden, wenn unterschiedlich Ansichten von “perfekt” aufeinander Treffen.

Frage: Dürfen mir andere Menschen, ihre Ansicht von “perfekt” aufdrücken?

Antwort: Jein, context is key.

Wenn mir im Beruf mein Chef, seinen perfekten Plan präsentiert und er befugt ist, das als Arbeitsanweisung zu formulieren, dann darf er das sehr wohl, auch wenn ich vielleicht anderer Meinung bin. Wenn mir aber jemand sagt, ich wäre nicht trainiert gennug, der Bauch ist noch zu groß, mein Essen schmeckt scheiße und ich soll daran was verändern, weil es in den Augen meines Gegenübers nicht perfekt ist, dann wird hier schnell eine Grenze überschritten.

Über unterschiedliche Ansichten zu reden und Sichtweisen auszutauschen, kann sehr gesund sein um seinen eigenen Maßstab zu hinterfragen, aber was mein Gegenüber aus meiner Meinung zu so persönlichen Themen wie Figur macht, muss mir erstmal egal sein, weil es mich nichts angeht.

Wir merken schon, es ist nicht immer ganz einfach und man kommt mit der einfachen Frage “Was ist eigentlich perfekt?” sehr schnell einen Punkt, an dem es sozial komplexer wird.

Halten wir hier einmal fest: Wenn ich der Meinung bin, dass etwas an anderen nicht perfekt ist, sollte ich mir die Frage stellen, ob es mich überhaupt beeinflusst, was mein Gegenüber tut. Wenn nicht, habe ich kein Recht, anderen meine Meinung auzuzwängen.

Warum kanns nicht perfekt sein?

Ein schönes Spiel mit dem Wörtchen “perfekt” treiben Die Ärzte in ihrem gleichnamigen Lied. Es wird beschrieben, wie sich jemand die “perfekte” Beziehung vorstellt, alles ist wie im Film, das ultimative Vorbild für Perfektion. Es wird sich beschwert, was alles nicht läuft, was beide Seiten falsch machen. Doch die Erkenntnis in der letzten Stophe ist entscheidend. Der Maßstab für Perfektion ändert sich schlagartig. Mit wenigen Worten wird einem vermittelt, trotz allem, was nicht so ist wie im Film, allem was schief läuft, ist es perfekt so wie es ist. Meine freie Interpretation des Ganzen ist, dass sich wieder darauf besonnen wurde, was wirklich zählt, dass die beiden zusammen sind und ihr Leben gemeinsam meistern. Das ist alles was die beiden eigentlich brauchen, es fehlt also im Kern nichts, ist also perfekt.

Das spielt sehr mit dem Paradoxon, dass etwas ja offensichtlich nicht perfekt ist, aber doch als perfekt angesehen wird. Es gibt viele Bereiche, in denen ich dem ganzen voll zustimme, bzw. ergänzen würde. Auch wenn etwas vielleicht (noch) nicht perfekt ist, sollte man nie den Blick dafür verlieren, was jetzt schon gut ist.

Was bleibt am Ende zu diesem durschnittlich qualitativem geistigen Erguss zu sagen?

Bei allem was man erreichen könnte, was man machen könnte, wie man aussehen könnte, versuche ich mich täglich darauf zu konzentrieren, was mir wichtig ist und was auch möglich ist.

Vorallem versuche ich mich weniger davon abhalten zu lassen, wenn etwas nicht “perfekt” werden kann. Das gehört dazu.

Schluss

Das war also der erste größere Eintrag hier. Witzigerweise ziemlich sicher in den Augen einiger nicht perfekt. Ich hingegen freue mich meine Gedanken in Bytes gebracht zu haben und hoffe dass die folgenden noch perfekter werden. Danke und Tschö